Ausblick 2026

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Perspektiven aus der Thommen Group: CEO Pouyan Dardashti und Sabine Krattiger (COO Immark AG) sprechen über Designverantwortung, Digitalisierung und eine Branche im Wandel.

Welche Trends beobachten Sie aktuell, die das Recycling grundlegend verändern könnten?

Dardashti: Wir erleben einen grundlegenden Paradigmenwechsel. Klassisches Recycling entwickelt sich zunehmend zu industriellem Ressourcenmanagement. Unternehmen erwarten heute nicht mehr nur Entsorgung, sondern geschlossene Wertstoffkreisläufe, CO-Transparenz und eine messbare Rohstoffsicherheit. Darüber hinaus nimmt die Komplexität der Materialien stetig zu. Stoffströme wie Batterien, Verbundwerkstoffe, Elektronik etc. erfordern spezialisierte Anlagen, technologische Tiefe und hohe Investitionen. Wer Skalierung und Technologie vereint, wird die Branche prägen und das in einer Zeit, in der sich die Nachfrage spürbar verlagert. Rezyklate werden für die Industrie strategisch relevant. Sie reduzieren Risiken in globalen Lieferketten und sind ein wesentlicher Hebel zur Erreichung der Klimaziele. Für die Schweiz bedeutet dies, dass wir uns von einem reinen Entsorgungsmarkt zu einem innovations- und technologiegetriebenen Rohstoffmarkt bewegen.

Krattiger: Darüber hinaus übernehmen Hersteller verstärkt die erweiterte Produkthaftung wahr. Sie prüfen verstärkt das Produktdesign, Mietmodelle, den Einsatz von Komponenten und sind daran interessiert, den Materialkreislauf direkt mit den Recyclingbetrieben zu schliessen. Der Einsatz von Sekundärmaterialien ist für die Hersteller massgebend, um ihren CO-Fussabdruck reduzieren zu können. Unsere Schlüsselrolle beim Schliessen von Materialkreisläufen, mit den Herstellern und insbesondere innerhalb Europas, wird sich weiter verstärken.

Welche Rolle spielen Daten und Digitalisierung in der zukünftigen Optimierung von Recyclingprozessen?

Dardashti: Digitalisierung wird zum produktiven Kapital. Wir sprechen nicht mehr über Excel-Reporting, sondern über datenbasierte Stoffstromsteuerung, KI-gestützte Sortiertechnologien, Ressourcen-Tracing und CO-Bilanzierung in Echtzeit. Für Thommen ist das ein strategischer Kernpunkt. Wir treiben die Digitalisierung der Materialflüsse entlang der gesamten Prozesskette voran. Vom Eingang über die Sortierung bis hin zur Verwertung. Dadurch steigern wir die Ausbeute, reduzieren Verluste, dokumentieren CO-Effekte und schaffen die Grundlage für industrielle Kreislaufsysteme. Aus Branchensicht gilt: Ohne belastbare Daten wird Kreislaufwirtschaft künftig nicht finanzierbar, nicht zertifizierbar und nicht skalierbar sein. Digitalisierung ist kein Zusatzmodul. Sie ist vielmehr eine Voraussetzung für Markt- und Regulatorik-Konformität.

Krattiger: Ausserdem benötigen wir als Recycler detaillierte Informationen zu den recyclierenden Produkten, damit der Kreislauf mit den Herstellern erst richtig geschlossen werden kann. Deshalb setzen wir bereits am Produkt an und erfassen verschiedene Daten für unsere Kunden.

Und was sind derzeit die grössten regulatorischen Hürden für die Recyclingbranche?

Dardashti: Die Branche steht nicht im Widerstand zur Regulierung. Im Gegenteil, wir brauchen klare Rahmenbedingungen. Allerdings stehen wir vor drei strukturellen Herausforderungen. Die Erste liegt in den unterschiedlichen kantonalen Vollzugspraxen. Sie führen bei identischen Stoffströmen zu variierenden Anforderungen. Für eine moderne Kreislaufwirtschaft jedoch, ist eine Harmonisierung unerlässlich. Gleichzeitig stellt die langsame Anpassung der Gesetzgebung an technologische Entwicklungen eine zweite grosse Herausforderung dar. Neue Stoffe wie Batteriematerialien oder Verbundwerkstoffe erfordern deutlich schneller definierte Standards und Prozesse. Wobei der Anreiz für recyclingfähige Produktgestaltung fehlt. Solange Hersteller keine Verantwortung für die Rezyklierbarkeit ihrer Produkte übernehmen, bleiben die Kosten einseitig beim Recycler. Deshalb setzen wir uns als Branche dafür ein, dass Regulierung Innovation ermöglicht, statt hemmt. Mit klaren Qualitätsstandards, einheitlichem Vollzug und produktseitiger Verantwortung.

Krattiger: Überdies ist grenzüberschreitend zu beobachten, dass Europa aktuell neue verschiedene Regulatorien einführt. Wobei die Anforderungen immer grösser werden und der internationale Handel mit Sekundärmaterialien eingeschränkt wird. Als Schweizer Unternehmen stellt uns der hohe Abstimmungsbedarf zwischen der europäischen und der schweizerischen Gesetzgebung vor grosse Herausforderungen.

Stichwort Herausforderungen: Stellt die recyclinggerechte Konstruktion von Produkten eine davon dar?

Dardashti: Sie ist sogar einer der grössten Systemschwächen. Wenn ein Produkt am Ende seines Lebenszyklus nicht zerlegbar ist, gehen wertvolle Ressourcen verloren und zusätzliche Kosten entstehen. Wir begegnen dieser Herausforderung auf zwei Ebenen: Erstens technologisch durch Investitionen in Anlagen, die selbst komplexe Stoffe verarbeiten können. Batterierecycling, sensorgestützte Sortierung und hochentwickelte Shredder-Linien erweitern dabei die technische Machbarkeit. Zweitens arbeiten wir direkt mit Herstellern zusammen. Das Ziel hierbei, Produkte, die von Beginn an auf Kreislauffähigkeit ausgelegt sind. Design-for-Recycling muss standardisiert werden und sollte nicht die Ausnahme bleiben. Nur so gelingt Ressourcenökonomie auf industriellem Niveau.

Krattiger: Werfen wir in diesem Zusammenhang einen Blick auf die aktuell recycelten Produkte. Sie wurden vor etwa 15 Jahren entwickelt und produziert. Hier müssen wir mit grossem Personalaufwand und ausgeklügelter Technik das Recycling vornehmen. Daher stimme ich Herrn Dardashti voll zu: Wir begegnen der Herausforderung, indem wir aktiv auf Kooperation und engen Austausch mit den Herstellern setzen. Denn die Produkte von heute erhalten wir morgen.

«Zukunft besteht aus Ökosystemen» Pouyan Dardashti, CEO

Wie wichtig sind starke Partnerschaften, um zukunftsorientierte Lösungen zu entwickeln?

Dardashti: Sie sind entscheidend. Kein Recyclingunternehmen, auch kein grosses, kann die Herausforderungen allein lösen. Wir brauchen starke Partnerschaften entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Von Herstellern, die ihre Produkte kreislauffähig designen, über Forschungseinrichtungen, die Prozesse kontinuierlich weiterentwickeln, bis hin zu Behörden, die regulatorische Klarheit schaffen. Und nicht zuletzt Kund*innen, die aktiv Rezyklate nachfragen und damit den Kreislauf schliessen. Für uns als Thommen Group ist klar, dass die Zukunft nicht aus Einzelanlagen besteht, sondern aus Ökosystemen. Deshalb treiben wir branchenübergreifende Kooperationen voran. Als Unternehmen und als Verband.

Krattiger: Ausserdem schaffen wir ohne strategische Partnerschaften die Transformation in eine echte Kreislaufwirtschaft nicht. Voraussetzung dafür ist ein grosses Vertrauen verbunden mit Zuverlässigkeit sowie Transparenz.

Herr Dardashti, was wäre Ihre persönliche Vision für die Recyclingbranche?

Dardashti: Eine Branche, die nicht als «Abfallwirtschaft» wahrgenommen wird, sondern als strategischer Rohstoffsektor. Recyclingunternehmen werden zu zentralen Akteuren der industriellen Wertschöpfungskette in technologischer, ökonomischer und ökologischer Sicht. Meine Vision lautet daher für die Schweiz: Wir etablieren ein System, das auf Präzision, Innovation und Ressourceneffizienz baut und damit globalen Benchmark-Charakter hat. Ein Land, in dem Kreislaufwirtschaft nicht ein «nice to have» ist, sondern ein integraler Bestandteil der industriellen Infrastruktur. Zusammengefasst heisst das, dass wir zum europäischen Referenzpunkt für moderne Recyclingtechnologie werden.

Welche Botschaft möchten Sie abschliessend jungen Menschen mitgeben, die in die Recycling- oder Umweltbranche einsteigen möchten?

Dardashti: Diese Branche ist kein Nischenmarkt. Sie ist eine Zukunftsindustrie mit anspruchsvollen Jobs, digitalem Know-how, technischen Karrieren und gesellschaftlicher Wirkung. Wer heute in die Kreislaufwirtschaft einsteigt, entscheidet sich für ein Feld, das Wachstum, Technologie und Sinn vereint. Es ist eine Branche, in der man nicht nur arbeitet, sondern neue Prozesse, neue Materialien und neue Systeme gestaltet.

Meine Botschaft ist klar. Wir brauchen talentierte Menschen, die Energie, Präzision und Neugier mitbringen. Die Recyclingbranche ist einer der Orte, an denen die Zukunft unserer Wirtschaft faktisch entschieden wird.

Über die Personen: 

Pouyan Dardashti ist CEO der Thommen Group. Als Vizepräsident von Recycling Schweiz und Vorstandsmitglied von Swisscleantech engagiert er sich national für moderne Ressourcenpolitik, technologische Innovation und die Weiterentwicklung einer leistungsfähigen Schweizer Kreislaufwirtschaft.

Sabine Krattiger ist Geschäftsführerin der Immark AG und Expertin für nachhaltiges Recycling von Elektro- und Elektronikschrott.